URBAN SUBJECTS
SABINE BITTER | HELMUT WEBER

Trophäen ihrer Exzellenz

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In Trophäen ihrer Exzellenz sprechen fotografische Objekte über die Komplizenschaft zwischen Architektur und sich ändernden Herrschaftsverhältnissen. Die Ausstellung handelt von der Transformation der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt von einer Bürgerstiftung über die modernistische Massenuniversität mit ihrer Frankfurter Schule zum neoliberalen Excellenzcluster. Basierend auf einer gemeinsamen Recherche mit dem deutschen Stadtsoziologen Klaus Ronneberger markieren architektonische Objekte, Fragmente und Bedeutungsaneignungen als Trophäen diesen Weg zur Exzellenz.
Trophäen sind dabei nicht nur Objekte, sondern auch Bilder für die architektonischen und urbanen Aneignungssprozesse, und sind auch Agenten der sich ändernden Interessen und Machtverhältnisse.

Der Fuss
Eine der ersten baulichen Massnahmen des Architekten Ferdinand Kramer als er 1952 auf Einladung von Rektor Max Horkheimer die Position des Bauamtsleiter der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt angenommen hatte war die Erweiterung des Portals des Jügelhauses. In das schlossartiges Bauwerk schnitt Kramer einen neuen Eingangsbereich, und liess die neobarocken Figuren des Portals entfernen.
Die Empörung über diesen Eingriff in die feudale Architektur der Universität wurde in den Zeitungen öffentlich ausgetragen: Kramer liess einem der Empörten ein Stück einer Statuette zukommen, die dem neuen Eingangsbereich zum Opfer fiel. Das Objekt, das sich im Privatarchiv Kramer befindet, ist ein abgeschlagener Fuss der neobarocken Figur des Jügelhaus-Portals.

Der Turm
Ein architektonisches Wahrzeichen der Universität in Bockenheim in der Phase der fordistischen Massenuniversität war der 1972 fertiggestellte Turm der Abteilung für Erziehungswissenschaften (AfE). Noch ganz der Nachkriegsmoderne verbunden wurde der 116 Meter hohe Turm, der sein brutalistisches Stahlbeton Skelett offen zur Schau trug, nach dem Umzug der Erziehungswissenschaften auf den neuen Campus Westend in einer publikumswirksamen Liveübertragung 2014 aus dem Stadtbild von Bockenheim gesprengt.
Ähnlich der Sprengung von Pruitt Igoe, die das Ende des sozialen Wohnbaus in den USA markierte, steht die Dematerialisierung des AfE Turms für den finalen Akt, der den Bockenheim Campus zur Geschichte, und den Exzellenz-Cluster des Campus Westend zur alleinigen Gegenwart erklärt. An der Stelle, an der einst Seminare der Fachbereiche für Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften stattfanden, von denen häufig Streik- und Besetzungsaktionen für die gesamte Universität ausgingen, befindet sich jetzt eine Brache, die Platz macht für neue spekulative Immobilienbewegungen.

Die Strasse
2014, im Jubiläumsjahr des 100-jährigen Bestehens der Universität beschliesst das Stadtteilparlament, dass eine Strasse am Campus Westend nach Max Horkheimer, dem Mitbegründer des Instituts für Sozialforschung, Repräsentant der Kritischen Theorie und Rektor der Universität in den frühen 1950er Jahren, umbenannt wird. Ebenso wird beschlossen, dass der zentrale Platz am Campus nach Theodor W. Adorno benannt wird.
Als Strassen- und Platznamen werden die beiden Autoren der “Dialektik der Aufklärung” und Vertreter der Frankfurter Schule in bezeichnender Weise in den neuen Campus integriert. Hauptsächlich von Studierenden wird jedoch bemerkt, dass deren Werte am neoliberalen Campus nicht mehr zu finden sind, unter anderem in Bezug auf die umstrittene Bologna-Reformund die Universität sich “mit fremden Federn schmückt“.

Das Denkmal
2016 wird das 2003 errichtete Adorno Denkmal des Künstlers Vadim Zakharov vom innerstädtischen auf den Campus Bockenheim Westend übersiedelt.
Das Ensemble aus Schreibtisch, Stuhl, Lampe, Metronom und Manuskriptblätter wird am neuen Adorno Platz zugriffs- und vandalensicher unter einem Glaskubus ausgestellt.
Erinnerte der Platz und das Denkmal in Bockenheim die urbane Öffentlichkeit an die gesellschaftskritische Agenda der Frankfurter Schule, wird durch die neue Platzierung auf dem Campus die Forderung der 1970er Jahre “Raus aus dem Elfenbeinturm Universität” subtil unterlaufen und kontraproduktiv eingehegt.

Die Schrift
Im Zuge der Modernisierung des Eingangsportals der Johann Wolfgang Goethe Universität im Jügelhaus wurde von Ferdinand Kramer 1953 die Schrifttype Futura für die Beschriftung der Universität an der Fassade ausgewählt.
Mit dem Auszug der Universität und dem Einzug der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung wird das moderne Portal, das Demokratisierung und öffentlichen universitären Zugang repräsentierte, erhalten bleiben. Der Name des Gebäudes der Forschungsgesellschaft, die von Frankfurter Bürgern 1870 gegründet wurde, soll mit der selben Schrifttype an der Fassade neu kodiert werden.